Und zack, rum ist mein verkürztes Semester. War ja dank Jugendolympia nach hinten verschoben (juchu! Sommerferien!) und gestaucht worden um kurz vor Weihnachten den Abschluss zu finden (Stoff: höchst verdichtet). Und mit einem Wort, arbeitsam. Falls das ein Wort ist.
Minfang wird mittlerweile von ihren Eltern umhegt und umpflegt und der Bauch macht sich über Skype doch schon erfreulich kugelrund. Sind genau in der kältesten Oktoberwoche rübergeflogen, seitdem ich wieder weg bin hatten die bis Nikolaus schönstes Herbstwetter.
Während gerade vor dem Fenster Leute in rot auf einem meiner Lieblingsbäume herumkraxeln und die Kettensäge singen lassen, sollte ich eigentlich am Rad drehen. Vorlesungen rum (nie wieder, aber das hatten wir ja schon mal...) und mitten in der Klausur- Woche, könnte ich mich wie meine Mitbewohnerinnen täglich in der Bibliothek einsperren und pauken. Oder zu pauken vorgeben. Hat hier schon mal jemand mehr als 6h reine Arbeitszeit pro Tag hinbekommen? Und damit meine ich reine Arbeitszeit, nicht das Pendeln, nicht die Mittags- oder Kaffeepause zwischendurch, nicht die ein, zwei Minuten durchschnaufen zwischen Auswendiglernerei und Aufgaben rechnen.
Ich habe zumindest noch nie in meinem Leben soviel Zeit in’s auswendig lernen investiert wie dieses Semester, so dass jetzt kurz vor den entsprechenden Klausuren mein Hirn fast kritische Masse angenommen hat. Nur ein wenig zuviel und... . (erinnert sich noch jemand an Kubiaks Isolationstank aus Parker Lewis?). Aber so ist das Bildungssystem hier, viel Blabla will der Herr Professor auf dem Papier sehen.
Stattdessen will ich eigentlich die letzte Woche in Singapur nutzen und noch mal joggen und schwimmen gehen, abends über unseren wunderschönen (und wunderschön ausgeleuchteten) Campus stromern, den Sonnenuntergang an Senotas Strand erleben und Livemusik mit Skyline am Marinabay genießen.
Und noch einmal lecker Egg-Prata mit Currysauce essen. Nicht dass ich die indische Küche jetzt den anderen vorziehe, aber gut chinesisch und deutsch essen werde ich noch häufiger in meinem Leben.
Fazit meiner Zeit hier? Wird persönlich erzählt, bin Weihnachten/Silvester in Mering :).
Das Leben be- und entschleunigt sich unabhängig von meiner Laune, meinem aktuellen Leistungsvermögen und –reserven. Vielen Dank dafür, aber wäre ja sonst auch langweilig.
Konkret? Nachdem ich mir vorgenommen hatte erhöhten, regelmäßigen Studienaufwand im letzten Semester abzusolvieren und einen guten Start hingelegt hatte, beschloß mein Familien- und Bekanntenkreis, dass sie mich lang genug allein durch die Weltgeschichte haben reisen lassen. Alte Arbeitskollegen, Schulkameraden und mein Bruderherz schwirr(t)en durch die Lüfte um sich Singapur einmal genauer anzuschauen.
Nicht falsch verstehen, hat mir echt Spaß gemacht und die Ergebnisse ( konkrete Auswanderungspläne; melancholische Tropennächte vor den Rückflug in den Winter; spontane, absolute Liebesbekundigung für das Essen und die Freizeitgestaltung in diesem Stadtstaat) sprechen für sich. Aber ich habe feststellen dürfen, dass meine Work-Life-Balance dadurch wie ein Betrunkener zwischen den Extremen hin- und herpendelt. Oder eher, wie ein angeknockter Boxer, wenn ich gerade wieder einen Blick auf den Stand meiner Studienprojekte werfe.
Dafür konnten wir wieder einmal Chinatown bei Nacht genießen, Sonnenbrände auf Sentosa abholen und ein Kurzkulturtrip (endlich, endlich) nach Melaka, Malaysia war auch drin. Erstaunlich kompakte Altstadt mit historisch portugiesisch-holländisch-malaysisch-chinesisch-indisch-englisch geprägter Kulisse, nur bei der Restaurantauswahl müssen wir das nächste Mal noch ein glücklicheres Händchen beweisen. Außerdem erstaunlich erschwinglich, das alles da.
Zum Geburtstag war diesmal immerhin noch eine Nudelsuppe und Bier drin, was will man mehr mit 30+, während meine Mutter (mit Schwester im Gepäck mal kurz über den Bosporus) ihr Geburtstagsständchen dann doch noch auf dem gleichen Kontinent entgegennehmen konnte.
Jetzt erstmal Rockantenne Alternative mit Foo Fighter und Pearl Jam, danach ruft wieder die Lektüre. Und unser realtime online Supply Chain Game (Wecker auf 3am stellen, die Lagerbestände wollen optimiert werden!).
Endlich neigt sich der Monat der Festivitäten dem Ende zu.
Die Jugendolymppiaspiele sind nach jahrelangen Vorbereitungen, Renovierungen, Freiwilligenausbildungen und Zwangsevakuierungen endlich über die Insel hinweggefegt und keiner hat’s gemerkt. Bis auf die unmittelbaren Helfer und den Horden an Schulklassen zum Ränge füllen hat wohl keiner so richtig Spaß und Atmosphäre mitbekommen. Sofern diese der Vergiftung durch den Cateringservice entkamen.
Die Hundertschaften an Taxifahrern in ihren brandneuen Mercedessen jedenfalls wirkten mehr als angeödet.
Wir wollten eigentlich auch mal ein wenig Frischwild begutachten, wenn’s schon auf unserem Campus stattfindet... . Allerdings haben wir nicht mit den Kilometern an Stacheldrahtzaun und Sichtsperren gerechnet, die uns alle vor den pösen Ausländern schützen sollten.
Aber Tradition stand ja Gottseidank auch noch auf dem Programm., denn während die Chinesen im Geistermonat ihre Vorfahren auch am Wirtschaftwachstum teilhaben lassen wollen und zentnerweise, ja geradezu inflationär Papiergeld verbrennen, darf die muslimische Bevölkerung im Ramadan nicht nur gegen das Hungergefühl ankämpfen, sondern auch gegen Kratzhusten, irritierte Augen und Schuppenflechte im Ascheregen.
Dafür revanchieren sich diese mit allabendlichen, stundenlangen Gesängen in den mit Plastikplanen abgegrenzten Erdgeschoß -Betonhallen unseres Blocks; was der Chinese beim Karaoke kann, kann der islamische Vorsänger schon lange. Gestern sollte mit dem ganzen Spaß eigentlich auch schon wieder Ende sein und die Fressbuden gestürmt werden, aber bitte erst noch ein letztes Mal um 7 Uhr morgens zum gemeinsamen Freudengesang treffen und ha! unsere PA kann ja noch ein paar Stufen lauter... .
Danach schmeissen sich alle in Schale und gehen feiern, aber nicht nur hier, sondern auch alle in Indonesien haben frei. Deren Elite hat deswegen die Singapurer Luxushotels ausgebucht, denn einen Tag ohne Dienstboten? Unausdenkbar!
Noch lauter ist allerdings unser wunderschöner Campus in der ersten Semesterwoche, die ganzen Freshmen (und –women) stürzen sich in die Clubauswahl und Kennenlernspiele, dass es eine wahre Freude ist. Wettgeschrei, chorale Gesänge, Catwalk-Training und das Vorstellen des aktuell subventionierten PC - und Notebook- Line-Ups sorgen für Spiel, Heiterkeit und fürchterliches Gedränge um die Plätze im kostenlosen Shuttlebusservice.
Wobei die Notebooks für den Preis eigentlich schon wieder normal sind, die Uni hat sich ja immerhin seit März Zeit gelassen bei der Genehmigung der Lieferanten. Hallo Welt!
A propos Welt, letztens gab es hier einen wunderbaren Artikel, „Wenn alle Welt wie Singapur wäre.“. Demnach ist die Stadt so kompakt geplant, dass die ganze Weltbevölkerung auf der Fläche von Texas komfortabel wohnen könnte. Da würde ich jetzt noch gerne hinzufügen, aber nur wenn wir noch ein paar Planeten mehr zum Ausplündern bekommen könnten. Der halbe Sand Indonesiens ist hier einbetoniert, Wärmedämmung bräuchte man je nach geografischer Lage eventuell und unsere Green City deckt ja 70% des Energiebedarfs mit Erdölimporten.
Die restlichen 30%? LNG :)
Mittlerweile habe ich rausgefunden, warum die Schmerzensschreie beim Ausscheiden der Engländer, der Argentinier und der Brasilianer so herzzereissend waren. Favoritensterben sind gut für die Wettbüros, schlecht für den kleinen, spielsüchtigen, geldgeilen Bürger.
Wer dagegen richtig auf ein 4:0 für unsere Jungs getippt hatte konnte sich über eine 40:1 Quote freuen. Ich habe dagegen nur feige „auf Ehre“ gewettet.
Und was machen mit dem Rest der Zeit? Zuerst noch ein bisschen Singapur entdecken, denn der Tourist und der Einwohner sehen an ein- und derselben Stadt doch sehr unterschiedliche Seiten. Domis Urlaub bot mir die idealen Voraussetzungen für diese Entdeckungstour, bis darauf, dass sich Minfang seit unserem Deutschlandaufenthalt ein kleines wenig schwanger fühlt und sich aus dem Besichtigunsprogramm folgerichtig weitgehend ausklingte.
Das erste Frühstück für unseren deutschen Gast mit halbgekochten Eiern, versetzt mit Sojasauce und Pfeffer, sorgte erst auf der einen Seite, und die Bestellung „Kaffee, ohne Milch, ohne Zucker“ dann auf der anderen Seite der Theke für den ersten Kulturschock. Damit war das Thema „anständig Frühstücken“ für den Rest der Zeit, bis auf die paar Tage Hotelbuffett auf Bali, abgehakt.
Ansonsten konnten wir aber kulinarisch mit Curry-Puffs auftrumpfen und auch der Nachtzoo, die Skyline vom neuesten Wolkenkratzer mit Blick über den Marina Bay, das Casino und die Suppenküche wussten zu beeindrucken.
Die Must-See Punkte kann man hier relativ schnell abhaken, das ist schon richtig, aber Fussball gucken im ehemaligen Kloster, am Singapore River abends mit ‘nem Bier sitzen und im Lichtermeer baden, im Menschenmeer einer langen Nacht der Museen mitschwimmen, Livemusik am Bay hören, Bratwurst in Chinatown vom griesgrämigen Erich serviert bekommen, am East Coast Park spazieren gehen und sich dann eine Stunde lang am Krebs zerlegen üben, das alles hat schon was.
Da fällt mir ein, ich bräuchte eigentlich auch von München mal einen Reiseführer... .
Für Bali lohnt sich der allerdings nur für den Fall eines richtigen Individualurlaubs, mit selber Auto fahren und so. Ist bei dem Verkehr nur bedingt empfehlenswert, ein wenig chaotisch ist halt schon, andererseits „if I can make it here, I can make it everywhere!“. Sehr schöne Hotelanlagen, nicht allzu teuer, aber halt ansonsten auch kaum noch etwas, was nicht schon touristisch komplett in Beschlag genommen wurde. Für einen angenehmen Strandurlaub ist ein Hotel mit eigenem Strand ein Muss, zwischen abgenagten Maiskolben und streunenden Hunden kommt nicht unbedingt Karibikflair auf. Gebuchte Touren sind halt mal leider wieder halbe Verkaufsveranstaltungen und beim Bewundern der (wirklich schönen) Landschaft muss man sich halt immer der Bauernfänger erwehren. Mindert ein wenig den Gesamteindruck :).
Kulturell hat Bali einiges zu bieten, aber für’s nächste Mal suche ich mir eine kleine unberührte und ruhige Insel irgendwo in Malaysia.
Konstant gegen den Strom schwimmen gefiel schon unserem ZDF Co-Kommentator und hier im Premier-League-verseuchten Singapur war auch die Pro-England, danach die Pro-Brasilien und gerade eben die dreiviertel Pro-Argentinien Fraktion gerechterweise am Leiden.
Ha!
Bin noch ein wenig die ausländischen Newssites am ansurfen um mich an ihren Schmerzen zu weiden, hrhrhrhrhr.